Wenn die Selbst-Verbindung verloren geht:
Neurodivergenz und Masking
Sie wollen dazugehören, nicht für seltsam gehalten werden, einfach nur als “normal” gelten: Viele neurodivergente Menschen ***(klick hier um herauszufinden, was genau ich damit meine) beginnen schon früh damit, sich anzupassen. Sie beobachten bereits im Kinder- und Jugendalter genau, was für die meisten Menschen in ihrer Umgebung üblich ist, welches Verhalten akzeptiert oder sogar belohnt wird, richten dann ihr Handeln danach aus – auch wenn sie selbst eigentlich etwas ganz anderes brauchen würden. Dieses Phänomen wird Masking genannt, und es geschieht in der Regel vollkommen unbewusst.

Das Leben eines Menschen, der unbewusst Masking betreibt, kann von aussen, nach konventionellen Standards, stabil und erfolgreich erscheinen. Doch innerlich dominiert nicht selten ein Grundgefühl von innerer Leere, diffuser Angst und anhaltender Erschöpfung. Kein Wunder: Wer auf Dauer an den eigenen Bedürfnissen vorbei lebt, steht ständig unter Spannung und Stress, verliert dabei den Kontakt zur kraftvollen Ressource der eigenen Integrität.
Ein Weg zur mehr Lebendigkeit: (Un-)Masking aus Sicht der
Gewaltfreien Kommunikation
Gewaltfreie Kommunikation ist ein Entwicklungsweg, der ursprünglich für die psychotherapeutische Arbeit entwickelt wurde – und Bedürfnisse als essentielle Lebenskraft versteht: Bedürfnisse sind die grundlegenden Motivatoren unser menschlichen Erlebens, Entscheidens und Handelns. Sie beinhalten alle Informationen, die wir brauchen, um ein erfülltes, freudiges Leben zu führen. Wenn ich im Kontakt zur lebendigen Vielfalt meiner emotionalen Bedürfnisse stehe, entwickele ich mehr innere Klarheit. Und mit mehr innerer Klarheit habe ich die Möglichkeit, mein Leben freier und stimmiger zu gestalten.
Zwei Beispiele: Sobald ich merke, dass ich gerade Ruhe brauche, kann ich mich an einen stillen Ort zurückziehen, schlafen oder meditieren. Falls mir dagegen eher Bewegung fehlt, kann ich mich entscheiden, zu laufen, zu tanzen, oder zu springen. Das klingt vielleicht trivial, wird aber spätestens dort zur Herausforderung, wo die Umwelt ein anderes Verhalten erwartet. Wie sorge ich für meine Ruhebedürfnis, wenn mein*e Partner*in entschlossen ist, heute Abend auf eine Party zu gehen – und mich unbedingt dabei haben will? Und wie für mein Bedürfnis nach Bewegung, wenn ich gerade mit Kolleg*innen in einem gefühlt endlosen Meeting sitze?
Schutz, Sicherheit, Zugehörigkeit? Ja – und da geht noch mehr!
Ich vermute, dass fast alle Menschen solche Situationen kennen, jedenfalls bis zu einem gewissen Grad. Fast jeder Mensch betreibt manchmal Masking, und es kann sogar sehr hilfreich sein, sich in bestimmten Situationen bewusst dafür zu entscheiden. Der Unterschied bei neurodivergenten Personen: Für sie ist der Konflikt zwischen dem, was sie selbst eigentlich brauchen und dem, was ihre Umwelt zu erwarten scheint, ein Dauerzustand. Um den damit verbundenen Dauerstress zu bewältigen, blenden sie das Bewusstsein für ihre eigenen Bedürfnisse oft komplett aus. Ein neurodivergenter Mensch aus dem oben genannten Beispiel geht also trotz Ruhebedürfnis mit auf die Party. Er passt sich dort dem Verhalten der anderen Partygäste an, tanzt ein bisschen, führt vielleicht hier und da ein Gespräch, fühlt sich dabei aber fremd und erschöpft – und versucht unbewusst, genau diese Gefühle zu ignorieren.
Doch weshalb würde ein Mensch dauerhaft so handeln? Welchen Sinn macht es, permanent gegen die eigenen Bedürfnisse zu handeln? Weil diese Frage so zentral ist, möchte ich hier noch einmal präziser formulieren als bisher. Weiter oben hatte ich geschrieben, dass Menschen, die Masking betreiben, oft an ihren eigenen Bedürfnissen vorbei leben. So wird es im Neurodivergenz-Diskus oft dargestellt. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Korrekter wäre es wohl, wenn wir sagen: Menschen, die Masking betreiben, fokussieren ihr Verhalten stark auf einige wenige Bedürfnissen – etwa die nach Sicherheit, Schutz und Zugehörigkeit. Viele andere Bedürfnisse – zum Beispiel die nach Freiheit, Authentizität, Vitalität, innerer Stimmigkeit, gesehen, gehört und wertgeschätzt werden – sind für sie zwar genauso lebendig, werden aber kaum gelebt.
Sicher oder frei sein: von “lärmenden” und “schüchternen” Bedürfnissen
Amina Kashtan, eine Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation aus Israel, unterscheidet grundsätzlich zwischen Sicherheits- und Freiheitsbedürfnissen. Sie weist darauf hin, dass viele Menschen ihre Sicherheitsbedürfnisse priorisieren. Und dann einen hohen Preis dafür zahlen – den ihrer eigenen Lebendigkeit. Ich selbst spreche gerne von “lauten” oder “lärmenden” Bedürfnissen auf der einen Seite und “leisen” oder “schüchternen” Bedürfnissen auf der anderen: Die lauten, lärmenden Bedürfnisse schieben sich schnell in den Vordergrund, werden deshalb oft reflexartig bedient. Doch die leisen, schüchternen Bedürfnisse sind mindestens genauso bedeutsam. Nicht nur, um ein erfülltes Leben zu gestalten, sondern auch, um ein tieferes Gefühl von Sicherheit zu erleben.
An dieser Stelle zeigt sich die tragische Paradoxie des Masking: Wenn ich meine lauten Sicherheitsbedürfnisse so stark priorisiere, dass die leiseren Bedürfnisse nach Freiheit und Authentizität kaum zur Geltung kommen, fühle ich mich wohl auch nie wirklich sicher. Ich lebe dann immer mit der diffusen Angst, dass der Mensch, der ich wirklich bin, letztendlich nicht akzeptabel sein könnte. Deshalb ist dauerhaftes Masking so anstrengend, so zermürbend!
Doch wie kann es nun gelingen, mehr Lebendigkeit zu kultivieren, leise wie laute Bedürfnisse gleichermassen zu würdigen – und Strategien zu entwickeln, die beide berücksichtigen? Genau das beschreibe ich im nächsten Newsletter.
Was ist in dir beim Lesen dieses Texts lebendig geworden? Spürst du Resonanz, ein Wiedererkennen? Oder hast du Fragen, Einwände, Zweifel? Schreib mir gerne – ich freue mich über dein Feedback.
Wenn du Interesse an individueller Begleitung hast, kannst dich hier allgemein über mein Angebot informieren und dann gemeinsam mit mir in einem 20-minütigen Kennenlerngespräch klären, ob dich dieses Angebot gerade unterstützen würde. Das ist für dich komplett kostenfrei und unverbindlich.
Du kannst dich auch gerne anmelden, um meinen Newsletter zu abonnieren und weitere Texte zu lesen, sobald ich sie veröffentliche:
In den nächsten Texten werde ich die hier eingeführten Gedanken weiter vertiefen.
Ich verstehe diese Texte als Dialogangebote, lasse Feedback deshalb gerne einfliessen. Stand jetzt plane ich erstmal folgende Themen:
-
Wenn die Selbst-Verbindung verloren geht: Neurodivergenz und Masking (dieser Text)
-
Leichter, klarer, lebendiger: eine Roadmap für die Reise zum Unmasking
-
Sind wir nicht alle ein bisschen neurodivergent? Wie ich den Begriff hier verstehe – und weshalb ich es für hilfreich halte, ihn zu nutzen
-
Vom Denken zum Spüren: Wie sich beim Unmasking die eigenen Bedürfnisse klarer wahrnehmen lassen – und die der anderen Menschen auch
-
Richtig oder falsch? Weshalb Entscheidungen für neurodivergente Menschen oft so erschöpfend sind – und was Unterstützung bietet
-
Schritte in die eigene Integrität: Was in Körper, Herz und Geist geschieht, wenn die eigenen Bedürfnisse stärker gespürt werden
-
Schlottern und Zähneklappern: Weshalb Integrität so scary sein kann – und wie sich mehr Vertrauen kultivieren lässt
-
Gut gemeint oder gut gemacht? Welche Begleitungsangebote beim Unmasking eher kontraproduktiv sind – und welche wirklich unterstützen
***(Kurze Begriffsklärung: Ursprünglich ist der Begriff Masking im Zusammenhang mit Autismus entstanden. Inzwischen wird er auch für die Erfahrungen vieler anderer neurodivergenter Menschen, etwa bei ADHS, AuDHS oder Hochbegabung, angewendet. Ich verstehe den Begriff sehr breit. Ob jemand eine offizielle Diagnose erhalten hat oder sich einfach in den Beschreibungen dieser Phänomene wieder erkennt, ist für mich hier unerheblich. Was genau ich meine, wenn ich von Neurodivergenz rede, erkläre in einem der nächsten Newslettertexte noch ausführlicher.)