Wenn die Selbst-Verbindung verloren geht:
Neurodivergenz und Masking
Am Anfang steht oft der Wunsch, dazuzugehören, akzeptiert zu werden, vielleicht einfach nur als “normal” zu gelten: Viele neurodivergente Menschen ***(klick hier um herauszufinden, was genau ich damit meine) beginnen schon früh damit, sich anzupassen. Sie erkennen bereits im Kindes- und Jugendalter recht genau, was für die meisten Menschen in ihrer Umgebung üblich ist, welches Verhalten anerkannt oder belohnt wird, richten dann ihr Handeln danach aus. Dass sie selbst eigentlich etwas ganz anderes brauchen würden, spüren sie entweder gar nicht oder nur sehr vage. Denn neurodivergente Vorbilder oder Vertrauenspersonen, die Orientierung bieten könnten, fehlen in der Regel komplett. Dieses Phänomen wird Masking genannt. Es geschieht meist vollkommen unbewusst, und es setzt sich oft bis ins Erwachsenenalter fort.

Als erwachsener Mensch, der unbewusst Masking betreibt, erscheint mein Leben von aussen, nach konventionellen Standards, vielleicht stabil und erfolgreich. Doch innerlich dominiert nicht selten ein Grundgefühl von innerer Leere, diffuser Angst und anhaltender Erschöpfung. Kein Wunder: Wenn ich auf Dauer an meinen eigenen Bedürfnissen vorbei lebe, stehe ich ständig unter Spannung und Stress. Ich verliere den Kontakt zur kraftvollen Ressource meiner eigenen Integrität. Genau das habe ich selbst über viele Jahre hin erlebt – lange Zeit ohne wirklich zu verstehen, was mir da fehlte, wie ich wieder mehr mit Energie und Freude verbinden könnte.
Ein Weg zur mehr Lebendigkeit: (Un-)Masking aus Sicht der
Gewaltfreien Kommunikation
Gewaltfreie Kommunikation ist ein Entwicklungsweg, der ursprünglich für die psychotherapeutische Arbeit entwickelt wurde – und Bedürfnisse als essentielle Lebenskraft versteht: Bedürfnisse sind die grundlegenden Motivatoren von menschlichem Erleben, Entscheiden und Handeln. Sie beinhalten alle Informationen, die wir brauchen, um ein erfülltes, freudiges Leben zu führen. Wenn ich im Kontakt zur lebendigen Vielfalt meiner emotionalen Bedürfnisse stehe, entwickele ich mehr innere Klarheit. Und mit mehr innerer Klarheit habe ich die Möglichkeit, mein Leben freier und stimmiger zu gestalten.
Zwei Beispiele: Sobald ich merke, dass ich gerade Ruhe brauche, kann ich mich an einen stillen Ort zurückziehen, schlafen oder meditieren. Falls mir dagegen eher Bewegung fehlt, kann ich mich entscheiden, zu laufen, zu tanzen, oder zu springen. Das klingt vielleicht trivial, wird aber spätestens dort zur Herausforderung, wo die Umwelt ein anderes Verhalten erwartet. Wie sorge ich für meine Ruhebedürfnis, wenn mein*e Partner*in entschlossen ist, heute Abend auf eine Party zu gehen – und mich unbedingt dabei haben will? Und wie für mein Bedürfnis nach Bewegung, wenn ich gerade mit Kolleg*innen in einem gefühlt endlosen Meeting sitze?
Schutz, Sicherheit, Zugehörigkeit? Ja – und da geht noch mehr!
Ich vermute, dass fast alle Menschen solche Situationen kennen, jedenfalls bis zu einem gewissen Grad. Fast jeder Mensch betreibt manchmal Masking, und es kann sogar sehr hilfreich sein, Masking in bestimmten Situationen bewusst als Strategie zu wählen. Was bei neurodivergenten Personen anders ist: Der Konflikt zwischen dem, was ich eigentlich selbst brauche und dem, was meine Umwelt erwartet, wird zum Dauerzustand. Um den damit verbundenen Dauerstress auszuhalten, blende ich das Bewusstsein für meine eigenen Bedürfnisse aus, oder ich entwickele es erst gar nicht richtig. In dem oben genannten Beispiel gehe ich dann als neurodivergenter Mensch trotz Ruhebedürfnis mit zur Party. Ich passe mich dort dem Verhalten der anderen Partygäste an, tanze vielleicht ein bisschen, führe hier und da ein Gespräch, fühle mich dabei aber fremd und erschöpft – und versuche unbewusst, genau diese Gefühle zu ignorieren.
Doch weshalb würde ich mich dauerhaft so verhalten? Welchen Sinn macht es, permanent gegen meine eigenen Bedürfnisse zu handeln? Weil diese Frage so zentral ist, möchte ich an dieser Stelle noch einmal präziser formulieren als bisher. Weiter oben hatte ich geschrieben, dass ich, wenn ich Masking betreibe, oft an meinen eigenen Bedürfnissen vorbei lebe. So wird es im Neurodivergenz-Diskurs oft dargestellt. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Korrekter wäre es aus meiner Sicht, zu sagen: Wenn ich Masking betreibe, fokussiere ich mein Verhalten stark auf einige wenige Bedürfnissen – etwa die nach Sicherheit, Schutz und Zugehörigkeit. Viele andere Bedürfnisse – zum Beispiel die nach Freiheit, Authentizität, Vitalität, innerer Stimmigkeit, gesehen, gehört und wertgeschätzt werden – wollen zwar genauso gelebt werden. Ich finde aber (noch) keinen tieferen Zugang zu ihnen.
Sicher oder frei sein: von “lärmenden” und “schüchternen” Bedürfnissen
Amina Kashtan, eine Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation aus Israel, unterscheidet grundsätzlich zwischen Sicherheits- und Freiheitsbedürfnissen. Sie weist darauf hin, dass viele Menschen ihre Sicherheitsbedürfnisse priorisieren. Und dann einen hohen Preis dafür zahlen – den ihrer eigenen Lebendigkeit. Ich selbst spreche gerne von “lauten” oder “lärmenden” Bedürfnissen auf der einen Seite und “leisen” oder “schüchternen” Bedürfnissen auf der anderen: Die lauten, lärmenden Bedürfnisse schieben sich schnell in den Vordergrund, werden deshalb oft reflexartig bedient. Doch die leisen, schüchternen Bedürfnis sind genauso bedeutsam. Nicht nur, um ein erfülltes Leben zu gestalten. Sondern letztlich auch, um ein tieferes, echteres Gefühl von Sicherheit zu erleben.
Hier zeigt sich das, was ich selbst als eine tragische Paradoxie des Masking empfinde: Wenn ich meine lauten Sicherheitsbedürfnisse so stark priorisiere, dass die leiseren Bedürfnisse nach Freiheit und Authentizität kaum zur Geltung kommen, fühle ich mich auch nie wirklich sicher. Ich lebe dann immer mit der diffusen Angst, dass der Mensch, der ich wirklich bin, irgendwie nicht akzeptabel sein könnte. Deshalb ist dauerhaftes Masking so anstrengend, so zermürbend!
Doch wie kann es nun gelingen, mehr Lebendigkeit zu kultivieren, leise wie laute Bedürfnisse gleichermassen zu würdigen – und Strategien zu entwickeln, die beide berücksichtigen? Das sind die Fragen, die ich im nächsten Newsletter ausführlicher untersuche.
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In den nächsten Texten werde ich die hier eingeführten Gedanken weiter vertiefen.
Ich verstehe diese Texte als Dialogangebote, lasse Feedback deshalb gerne einfliessen. Stand jetzt plane ich erstmal folgende Themen:
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Wenn die Selbst-Verbindung verloren geht: Neurodivergenz und Masking (dieser Text)
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Leichter, klarer, lebendiger: eine Roadmap für die Reise zum Unmasking
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Sind wir nicht alle ein bisschen neurodivergent? Wie ich den Begriff hier verstehe – und weshalb ich es für hilfreich halte, ihn zu nutzen
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Vom Denken zum Spüren: Wie sich beim Unmasking die eigenen Bedürfnisse klarer wahrnehmen lassen – und die der anderen Menschen auch
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Richtig oder falsch? Weshalb Entscheidungen für neurodivergente Menschen oft so erschöpfend sind – und was Unterstützung bietet
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Schritte in die eigene Integrität: Was in Körper, Herz und Geist geschieht, wenn die eigenen Bedürfnisse stärker gespürt werden
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Schlottern und Zähneklappern: Weshalb Integrität so scary sein kann – und wie sich mehr Vertrauen kultivieren lässt
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Gut gemeint oder gut gemacht? Welche Begleitungsangebote beim Unmasking eher kontraproduktiv sind – und welche wirklich unterstützen
***(Kurze Begriffsklärung: Ursprünglich ist der Begriff Masking im Zusammenhang mit Autismus entstanden. Inzwischen wird er auch für die Erfahrungen vieler anderer neurodivergenter Menschen, etwa bei ADHS, AuDHS oder Hochbegabung, angewendet. Ich verstehe den Begriff sehr breit. Ob jemand eine offizielle Diagnose erhalten hat oder sich einfach in den Beschreibungen dieser Phänomene wieder erkennt, ist für mich hier unerheblich. Was genau ich meine, wenn ich von Neurodivergenz rede, erkläre in einem der nächsten Newslettertexte noch ausführlicher.)